Mittwoch, 1. Dezember 2010

Viel Sonne, viel Regen und ein wenig Schatten

Wir haben hier zwar "Winter" und eine Menge Regen zwischendurch, aber dennoch scheint die Sonne oft und heftig. Nicht nur den Sonnenschein, sondern auch Licht in Bezug auf die Arbeit, Freunde und neue positive Erfahrungen gibt es immernoch mehr als genug.

Im Moment arbeite ich in einem Bauprojekt an der Deutschen Schule. Von 7 bis 16 Uhr renoviere ich dort mit Lehrern und Auszubildenden des Colegio de las Aguas eine Bambuskonstruktion, die auf Grund schlechter Bauweise erneuert werden muss. Hier komme ich aber auch viel in Kontakt mit Menschen, vor allem Jugendlichen. Durch die Hilfe einer Freundin, die auf die Deutsche Schule geht und die ich vor einigen Wochen auf einer Party kennengelernt habe, kann ich jetzt den Schulbus nutzen. Vorher habe ich einen öffentlichen Bus genommen, der mich durch Umsteigen und Fußwege fast zwei Stunden gekostet hat. Das Colegio Aleman - die Deutsche Schule - ist nämlich sehr weit weg, fast am anderen Ende der Stadt. Morgens werde ich um kurz nach 6 abgeholt und um 17 Uhr bin ich wieder zu Hause. Die Arbeit ist richtige Bauarbeit. Ich lerne jeden Tag mehr. Anfangs habe ich eigentlich nur aufgeräumt, Bambus geschleppt und mich auf die Mittagpause gefreut, in der ich mit Schülern in der Kantine esse und quatsche. Mittlerweile macht mir die Arbeit mit den Kollegen aus Montebello aber richtig Spaß und ich kann schon viel besser mit den Werkzeugen umgehen. Ich bin zwar immer dreckig und meine Hände mussten sich erstmal an die Arbeit gewöhnen, aber ich bin sehr zufrieden. Voraussichtlich werde ich bis Weihnachten in dem Bauprojekt sein.


Kollegen aus Montebello: Luigi, Japxon, Ruben, Nancy


Der Chef Rafa, auch "Pirata" genannt


Am letzten Freitag haben wir einen Flohmarkt in Montebello, im Colegio de las Aguas, veranstaltet. Dafür habe ich vorher Freunde im Colegio Aleman und im Bekanntenkreis nach ausrangierten Klamotten, Büchern, Spielzeugen, Deko usw. gefragt. Viele haben mich unterstützt und der Flohmarkt, auf dem es auch typisches kolumbianisches Essen gab, war ein voller Erfolg.
 Deutsche Flohmarktverkäufer in Trikots

Am Samstag habe ich auch mit einigen Jungs aus der Organisation in Montebello gearbeitet, damit eine Konstruktion dort schneller fertiggestellt werden kann. 

Auch neben der Arbeit gibt es viel zu erzählen. Ich versuche einige Ereignisse der letzten Wochen mal zusammenzufassen: Bauchtanzauftritt meiner Gastschwester Margarita und Freundinnen, ihr 18. Geburtstag inklusive Essen gehen und Party, Salsa-Show "Delirio" (es gibt wohl keine bessere Salsa-Show weltweit), weitere Tanzabende (aktiv!), einen Sonntag in einer Finka in den Bergen, ein sensationelles klassisches Konzert von vielen Fundacionen (in einer arbeitet die Frau meines Mentors und eine Freundin, die auch Weltwärtslerin ist und Geige spielt) und mit rund 480 jugendlichen Protagonisten aus unterschiedlichsten sozialen Schichten und und und ...
Delirio: Musik, Tanz, Show.. SALSA

Klassisches Konzert in einem Hangar des Militärs



Wo viel Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten. Auch wenn die Sonnenseite überwiegt, kann ich das nicht verschweigen.. Auf Grund eines Mordes in Montebello und einer ungeklärten Sicherheitslage musste ich leider das Laternenfest absagen. Außerdem sollte ich erstmal einige Zeit nicht nach Montebello. Da meine Kinder schon Ferien haben, ist das nicht so schlimm gewesen. Das ist mittlerweile auch alles geklärt. Die Situation ist geklärt und wir können wieder unbesorgt hoch fahren. Die Polizeipräsenz wird etwas größer sein, aber alles ist bestens. Am 12. Januar geht es in meinem Projekt weiter.
Das mit dem Schatten ist eigentlich auch eher generell. Ich habe einiges erfahren, was doch sehr heftig ist und zeigt, dass es hier neben einer fröhlichen bunten Kultur auch eine Kultur der Gewalt gibt. Eine Frau, die in dem Armenviertel Aguablanca wohnt hat mir erzählt, dass in ihrem Straßenblock in 6 Tagen 4 Menschen erschossen wurden. Außerdem wurde mir schon oft gesagt, dass es viele Orte gibt, an denen man Auftragsmorde kaufen kann. Ein Auftragsmord kostet um die 10 Euro. Ich kann das nicht bezeugen, aber das haben mir verschiedene Kolumbianer erzählt. Bei dem Mord in Montebello handelt es sich wohl um einen Fall von Selbstjustiz. Hier wird das "soziale Säuberung" genannt. Der junge Mann, der erschossen wurde, war schon oft in der Gemeinde durch Raube aufgefallen. Um sich zu schützen passiert es in den Brennpunkten dann manchmal, dass sich Leute aus der Gemeinschaft rächen, bzw. für "Ordnung" sorgen wollen. Falls jemand mal was von Cali und dem Leben eines jungen Deutschen in Kolumbien sehen will, kann er sich den Film "Doctor Aleman" angucken. Auf uns Deutsche wirkt der Film sehr hart, etwas übertrieben vielleicht. Aber die Menschen in Siloé, dem Viertel in dem der Film spielt, sagen er sei viel zu harmlos. Es ist schon eine etwas verrückte Welt...
Der Bezug zu Gewalt und Waffen wird selbst in meiner Grundschule deutlich. Wenn die Kinder etwas malen sollen, was ihnen gefällt, malen mindestens 6-10 Jungs pro Klasse eine Waffe. Die Hälfte der Jungs wollen Soldat oder Polizist werden. Waffen tragen und einfach Geld verdienen... Es ist traurig, aber Realität.

Naja immerhin gibt es auch hier Lichtblicke. Das aktuelle Projekt, in dem ich mit Jugendlichen aus Montebello arbeite zeigt, dass man Veränderungen schaffen kann. Die Ausbildung und der Arbeitsalltag gibt den Teenagern eine Perspektive. Eine Perspektive ohne Waffen und Gangs, und die Chance, Geld auf ehrliche Weise zu verdienen.

Eine kurze Anmerkung habe ich noch zu meinem letzten Post: Es ist eine Art Ironie des Schicksals... Am Montag war im Colegio Aleman früher Schulschluss, weil es kein Wasser mehr gab. Es ist zwar noch nie vorher vorgekommen und die Ursache war irgendwie unklar, doch es ist schon komisch, wenn so etwas auch an einer Privatschule passiert, für die Eltern über 200€ pro Monat bezahlen.
Das Colegio Aleman..

..irgendwie abgehoben

Schulkantine

Leguan auf dem Schulgelände


Es ist jetzt 21 Uhr hier, aber weil ich morgen früh um 5:40 Uhr austehen muss, gehe ich jetzt schon schlafen. 
Ich wünsche Euch allen alles Liebe und ein paar Sonnenstrahlen aus Cali.

1 Kommentar:

  1. Hallo Thomas,

    vielen Dank für die immer wieder interessanten Neuigkeiten. Die geschickten Sonnenstrahlen sind hier allerdings als Schnee angekommen:-)
    Schönen 2. Advent!

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