Sonntag, 24. Oktober 2010

Mit dem Auto nach Kolumbien

Und wieder ist eine Schulwoche vorbei... Der Kurzurlaub am letzten Wochenende mit meiner Familie war wunderbar. Die Region "El eje cafetero" ist traumhaft. Eine Vielzahl von Pflanzen, Schmetterlingen, Vögeln, Kaffee- und Bananenplantagen, auf einer Höhe von etwa 1800m, bieten einem viel Natur und frische Luft zum Durchatmen nach den ersten Wochen im nach Abgasen riechenden Großstadtdschungel.
Ameisen en masse - groß und stark

El eje cafetero

Etwa zweieinhalb Autostunden von Cali entfernt


Am Dienstag ging es wieder an die Arbeit. Der Wecker um Viertel vor 6 ist mein größter Alptraum, aber die Helligkeit hilft sehr beim Wachwerden.
In meiner Escuela San Pedro begrüßen mich die Kinder liebevoll wie immer. Ich habe jetzt einen Stundenplan und lerne somit jede Klasse kennen. Die Klassenstufen heißen hier 0 (Vorschule), 1, 2, 3, 4a, 4b, 5, AC (Beschleunigung; hier sind Kinder von 11 bis 13 Jahre, die später eingeschult wurden und noch nicht lesen und schreiben konnten). Ich habe in verschiedenen Klassenstufen die Jahreszeiten in Deutschland und die Laternenfestidee vorgestellt. Die Kinder sind von der Idee begeistert. Obwohl niemand Vorkenntnisse in der deutschen Sprache hatte, haben wir gleich mit "Ich gehe mit meiner Laterne" angefangen. Das ging in jeder Klasse unterschiedlich gut, aber die meisten Kinder haben schon kräftig mitgesungen. 
Am Mittwoch war ich zuerst wieder in der zweiten Klasse. Die Kinder hier sind zwar sehr anhänglich, aber von allen die verhaltensaufälligsten. Als ich eine ruhige Minute mit der Lehrerin hatte, hat sie mir die Geschichten einzelner Kinder erzählt. Jede ist eigen, aber alle sind ähnlich hart. 

Daniel, der lauteste Junge, der fast immer in Streit, wenn nicht in einer Prügelei ist, ist ein Beispiel. Er und seine Familie wurden auf Grund von Guerilla und Bürgerkrieg vertrieben, bzw. "umgesiedelt" wie es hier heißt. Sie kamen nach Cali und hatten nichts. Keinen Job, kein Geld, kein Zuhause, keine Ausbildung. Der Vater ist Straßenverkäufer von gebrannten Filmen und ähnlichem. Der Bruder ist drogenabhängig und seit einiger Zeit verschwunden. Die Mutter arbeitet auch. Als was habe ich nicht genau verstanden, aber im nächsten Satz sagte mir die Lehrerin: "Das Viertel im Zentrum, wo die Familie wohnt, ist bekannt für Prostitution und Pornographie." Die Lehrerin hat Daniel einmal zu Hause besucht, um mit den Eltern zu sprechen. Alle wohnen in einem Zimmer. Zusammen mit Ratten und Kakerlaken.
Alejandro ist auch in der zweiten Klasse. Sein Vater ist im Gefängnis. Der neue Freund seiner Mama auch.
Luis' Vater wohnt irgendwo anders. Seine Mama arbeitet immer. Der neue Mann der jungen Oma - hier bekommen viele Mädchen zwischen 14 und 17 Kinder - ist das neue Familienoberhaupt. Gewalt ist für ihn Alltag.
So ungefähr ging es dann weiter. Drogen, Kriminalität, Prostition, Gewalt...  
Vor etwa zwei Wochen habe ich die Armut hier zu spüren bekommen, als ich am hellen Tag ausgeraubt wurde. Ich habe nie mehr bei mir außer etwa 2€ für den Transport und meinem 18€-Handy. Eigentlich wollte ich das nicht in den Blog schreiben, damit sich niemand unnötige Sorgen macht. Meine Mama weiß aber mittlerweile Bescheid und ich will keine wichtigen Wahrheiten weglassen. 
Den Leuten, häufig auch Drogenabhängigen, geht es nur um Materielles. Ein Paar Pesos sind schon genug. In Montebello sind derartige Fälle nicht so normal. In den letzten Jahren ist das keinem der Freiwilligen dort passiert. Die Polizeipräsenz ist jetzt größer und es gab eine Festnahme. Außerdem kennt man sich im Dorf. Die meisten Leute wissen was wir Deutschen machen und schätzen die Arbeit. Nach dem Raub waren viele Leute beschämt und haben uns sofort Hilfe angeboten. Es wird nicht wieder passieren... In Montebello ist die Gefahr mit Abstand geringer als in anderen Viertel in der Stadt. Man muss wissen wo und wann man sich aufhalten kann. Und ich kann allen sagen: Wir sind sehr vorsichtig und keinem wird etwas passieren. 






Der Donnerstag und der Freitag in der Schule waren super. So langsam bekommt die Arbeit Routine. Ich habe den Kindern aller Stufen von Deutschland erzählt und Fotos von Hamburg gezeigt. Sie waren fasziniert. Ob ich denn mit dem Auto nach Kolumbien gekommen sei? Ich habe also eine Karte an die Tafel gemalt, den Kindern einige Wörter auf deutsch beigebracht, ihnen erzählt was wir für Tiere, Früchte, Fortbewegungsmittel, Landschaften, Temperaturen haben, dass es unterschiedliche Jahreszeiten gibt, dass die Uhrzeit in Deutschland anders ist und und und... Das Fremde und Unbekannte interessiert sie sehr. 



Heute ist Sonntag. Morgen früh geht es wieder an die Arbeit. 
Viele Grüße aus Cali!!

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Yeison, Culumi, Xiomara und Jhon Edward

Inzwischen ist viel passiert. Ich lebe mich immer besser ein und mache täglich neue Erfahrungen. 
Eine neue Erfahrung, mit der ich nicht gerechnet habe, war eine Feier in der Deutschen Schule Cali am 3. Oktober. Es war nicht nur das erste Mal, dass ich den Tag der deutschen Einheit gefeiert habe, sondern auch eine der deutschesten Feiern, die ich je erlebt habe. Deutsche Fahnen, Wiener Würstchen, Kartoffelsalat, Bier und die Hymne machten die Feier beinahe unangenehm deutsch. Dennoch haben wir den Tag zusammen genossen und einige Deutsche, die in Cali leben, kennengelernt.
Die deutsche Feier

Neben Erfahrungen gab es auch Veränderungen. 
Eine Veränderung ist mein Zuhause hier in Cali. Ich wohne jetzt schon eine Woche in meiner Gastfamilie und mir geht es hier sehr sehr gut. Das liegt nicht hauptsächlich daran, dass ich hier warmes Wasser und vieles mehr habe, sondern vor allem daran, dass ich eine wirklich wunderbare kolumbianische Familie habe. Ich wohne zusammen mit Saida, einer lieben, rührenden Mama, Pacho, eigentlich Francesco, der durchschnittlich 82! Std pro Woche in verschiedenen Kliniken als operierender Arzt arbeitet und ein sehr kluger Mann ist, und Margarita, die nächsten Monat 18 wird und ein besonderes Talent für Kunst und Tänze hat. David, der andere Sohn der Familie, den ich vor 3 Jahren in Deutschland kennengelernt habe und der zu meinen besten Freunden gehört, sehe ich nur ab und zu, da er in Bogotá studiert. Die Familie ist großartig und ich könnte noch viel mehr erzählen.
Margarita, Saida, Francesco, David

Am 29. Oktober werde ich nach Bogotá fliegen, um David zu besuchen. Da der 1. November einer von vielen kolumbianischen Brückentagen ist, muss ich erst am Montag zurückkommen, um dann am 2. November wieder zu arbeiten.
A propos arbeiten: Im Moment arbeite ich eine Woche in der Bibliothek Montebellos, wo ich zusammen mit Hannah Deutschunterricht gebe. Hauptsächlich bereite ich aber Englischunterricht für die kommende Woche vor. In der letzten Woche habe ich die erste Male in meinem Projekt, in der Grundschule "San Pedro", gearbeitet. Morgens um 7 beginnt dort der Unterricht für Schüler bis zur fünften Klasse. Das heißt für mich: um Viertel vor 6 aufstehen, duschen, frühstücken und an der nächsten Straße einen Jeep nehmen, um rechtzeitig in dem auf etwa 1700m hochgelegenen Montebello anzukommen.
Die Kinder sind eigentlich sehr süß. Sie umarmen mich, wollen mich ständig anfassen und machen mir Geschenke. Dass sie laut und stürmisch sind merkt man schon beim Betreten des belebten Schulhofs. Besonders anstrengend wird es für mich in den Klassenzimmern. Eine Klasse heißt in der Escuela San Pedro eine Stufe. Eine Stufe bedeutet, dass etwa 40 Kinder in einem Klassenraum zusammengedrängt lernen sollen. Das wäre sicherlich auch in Deutschland nicht einfach. Doch besonders hier, wo Kinder leben, die es nicht gewohnt sind sich zu konzentrieren und aufmerksam und höflich zuzuhören ist richtiger Unterricht fast unmöglich. Zuerst war ich in einer zweiten Klasse, in der Unterricht ohne Lieder und Spiele nicht geht. Ich habe sofort gemerkt, dass ich viel vorbereiten muss für die nächsten Stunden... Anschließend war ich in einer fünften Klasse, deren Lehrerin mir versicherte, dass alle schon Grundlagen können würden. Nach einigen Übungen und Vokabeln haben wir dann doch lieber erstmal mit dem Alphabet und Zahlen angefangen... So in etwa ging es dann weiter. Schon nach den ersten Stunden war ich einigermaßen kaputt und froh darüber, dass die Schule nur von 7 bis 12 Uhr geht. 
Auf dem Schulhof nach der Begrüßung und einem kurzen Gebet.

Eigentlich sind wir auch nicht als Lehrer hier. Auf keinen Fall sollen Arbeitsplätze durch Freiwillige ersetzt werden! Was wir machen ist ein interkultureller Austausch. Ein Teil davon ist es, ab und zu im Unterricht zu helfen und Sprachen zu lehren. Aber wie gesagt nur ein Teil. Es geht hauptsächlich auch darum, den Kindern Perspektiven zu geben. Wir sollen helfen, Ziele zu geben und Werte zu vermitteln. Für die Kinder sind wir Weltwärts-Freiwillige Vorbilder, die unter anderem glaubhaft vermitteln sollen, dass es beispielsweise schlecht ist Drogen zu nehmen oder, dass man nicht mit 15 schwanger werden sollte. Viele Aufgabe, die eigentlich Eltern übernehmen, müssen hier von Pädagogen übernommen werden, da nicht alle Eltern für ihre Kinder sorgen können oder wollen. 
Naja, dass wir eigentlich keine Lehrer sind ist anscheinend noch nicht ganz klar gewesen. Das kann daran liegen, dass das Projekt an meiner Schule neu ist. So kam es aber, dass mich die Lehrerin der fünften Klasse nach 5 Minuten auf einmal alleine ließ. Ich habe dann eine Menge improvisiert und die Kinder waren immerhin fast 10 Minuten einigermaßen aufmerksam. Der Job der Lehrerinnen an meiner Schule ist aber auch nicht leicht. Jede Stufe - sprich Klasse von 40 Kindern - hat jeweils nur eine Lehrerin, die alle Fächer unterrichten muss. Einige können nicht mal richtig Englisch und freuen sich jetzt sehr, dass ich da bin und helfen kann. Ich bin auch bereit das zu tun. Zwar nicht vollkommen alleine, aber ich gebe mein bestes, um in den nächsten Stunden vieles vermitteln zu können.
Kinder auf dem Schulhof

Nach dem Unterricht

Die Überschrift dieses Posts besteht übrigens aus Namen der Schüler in Montebello. Sich davon 40 zu merken wird sicherlich eine fast so schwere Aufgabe wie die Hälfte der Kinder zum Lernen zu motivieren. Aber ich bin mir sicher: Nichts ist unmöglich!
Wie schon gesagt ist im Moment eine Woche zum Planen und Vorbereiten. Neben Unterricht plane ich auch Projekte verschiedenster Art. Eine Idee die mir gestern in den Sinn kam, als wir uns über Jahreszeiten in Deutschland unterhielten: Ein Laternenlauf in Montebello. Der Plan, den ich in der Bibliothek mit Hannah entwickelt habe ist so: In den Schulen Laternen mit den Kindern basteln, englische, deutsche und spanische Lieder üben und am 6. Dezember abends im Dunkeln mit Liedern, Laternen, uns Freiwilligen und allen Mitarbeitern durch die Straßen laufen. Ich werde nochmal davon berichten, wenn es soweit ist. 
So viel erstmal zu meiner Arbeit. Meine Freizeit ist wesentlich unbeschwerter. Mit dem konstant perfekten Wetter und Aktivitäten wie schwimmen und tanzen lässt es sich sehr gut leben. Auch das Essen ist für mich perfekt. Kochbananen, Reis, Bohnen, Fleisch und Salat schmecken mir ausgezeichnet, so dass ich hier trotz kleinerer Rationen nicht verhunger.
Cali. Gegenüber: der Berg mit den Tres Cruzes, nahe Montebello.

Ich habe echt viel erlebt, aber alles zu erzählen wäre unmöglich. Ich werde mir noch einiges aufheben für die zahlreichen Posts, die noch folgen sollen. Ich hoffe, dass ich in Zukunft etwas regelmäßiger schreiben kann.
Viele liebe Grüße an alle aus Kolumbien!