Die ersten Tage vergehen wie im Flug. Doch sie hinterlassen eine Vielzahl von Eindrücken, die in diesem Text sicherlich nicht komplett zum Ausdruck kommen.
15.09.2010: Hamburg-Bogota-Cali. Nach einer eintägigen Reise um den halben Erdball wurden wir - ich bin mit zwei Freunden geflogen - in Cali von tropischem Gewitter begrüßt. Der kleine Flughafen von Cali, einer Stadt die mit etwa 3 mio. Einwohnern die drittgrößte Kolumbiens ist, macht bereits deutlich, dass ich nicht mehr in der gewohnten europäischen Umgebung bin. Am Flughafen wurde schon auf uns gewartet. Vom Flughafen ging es etwa 20 Minuten in die belebte Innenstadt Calis. Der Verkehr ist für einen Deutschen der erste Kulturschock. Dreispurige Straßen ohne Markierungen, mit riesigen Löchern und etlichen Motorrädern und Taxis, stellen besonders den fremden Beifahrer vor neue Herausforderungen. Nahe des Zentrums, in dem Viertel El Peñon, befindet sich unser vorerst neues Zuhause - ein ehemaliges Kloster. Das "ehemalig" könnte man auch weglassen, denn hier erinnert alles an einen Konvent. Mein Zimmer ist so klein, dass ein Bett, ein Stuhl und meine beiden 23kg-Koffer den Raum komplett ausfüllen. Die weite Reise und sieben Stunden Zeitverschiebung kosten Kraft, so dass ich in der weichen, perfekt durchgelegenen Matratze und unter dem sporadisch aufgehängten Moskitonetz sofort schlafen konnte.
| Mein Zimmer |
| Das Kloster |
| Blick aus dem Klosterfenster |
Nach einer kurzen Nacht im heißen Zimmer darf die eiskalte Dusche um 6 Uhr morgens natürlich nicht fehlen. Warmes Wasser gibt es hier nicht.
Bei erwartet sonnigen 30°C im Schatten sind wir am zweiten Tag das erste Mal raus aus dem Großstadtdschungel hoch in das arme, größtenteils von Flüchtlingen bewohnte, Montebello gefahren. Die sandige Straße hat keine Löcher - die zahlreichen Löcher verschmelzen zu einer Straße, an deren Seiten kleine Hütten stehen, die aussehen, als würden sie jeden Moment einstürzen. Irgendwie haben die individuellen Bauarten auch etwas Beeindruckendes. Die Einwohner, die vor den Häusern sitzen, bestaunen uns skeptisch. Durch die straßigen Löcher sind die täglichen Fahrten im Jeep für alle neun, unangeschnallten Insassen wie eine Achterbahnfahrt. 1300 pesos (etwa 60 Cent) bezahlt und einmal kräftig "Señor, por aca!" gerufen, und der Fahrer hält nahe des Colegio de las Aguas, das von meiner Entsendeorganisation Schule fürs Leben gebaut wurde, an. Die Schule, die mit einer speziellen Bambusart, dem Guadua gebaut wurde, ist eine architektonische Meisterleistung und gibt dem ärmlichen Bild Montebellos ein wenig Glanz. Sie wurde konstruiert, um den Kindern Montebellos eine Perspektive zu geben, damit sie nicht wie viele andere in Drogenkonsum und Prostitution Zuflucht finden. Die Kinder des Colegio de las Aguas empfangen jeden von uns täglich mit viel Liebe. Wir werden umarmt und ausgefragt und jeder ist eine Attraktion.
| Montebello |
| Colegio de las Aguas |
| Die Schulkantine |
Die Liebe der Menschen findet ihren Höhepunkt in Kolumbien am Samstag, dem 18.09., an dem der Tag der Liebe und der Freundschaft, "el dia del amor y la amistad" gefeiert wird. Ich durfte den Tag, an dem traditionell das Geschenkspiel "el amigo secreto" (der geheime Freund) gespielt wird, dreimal feiern. Am Freitag Morgen, bei einer Integration aller Mitarbeiter und Freiwilliger im Colegio de las Aguas, am Freitag Abend im Kloster mit allen 18 Freunden, und am Samstag mit meiner Gastfamilie, bei der ich das ""Gast" auch weglassen könnte.
Nach einem Wochenende zum organisieren und ausruhen, habe ich am Montag, dem 20. September, zum ersten Mal mein zukunftiges Projekt besucht: die Institución Educativa de Montebello, eine Schulinstitution, die drei Schulen in Montebello leitet und betreut. Zuerst war ich in der Zentrale, einer Anlage, bei der man nicht wirklich eine Struktur erkennt. Mir wurde erklärt, dass die Gebäude ohne einen richtigen Plan in den 80er Jahren angefangen wurden und nun etwas alternativ dastehen. Auf Grund mangelnder Räume wurde ein Basketballplatz mit Hilfe grüner Plastikfolien in Quadrate eingeteilt und zu mehreren - für die Anzahl der Schüler - winzigen Klassenräumen eingeteilt. Ein Gebäude, das bisher nicht aus mehr als zwei Wänden und einer Decke aus Beton besteht, dient zwei Klassen, die zur Hälfte im Freien unterrichtet werden. Das triste Wetter und der Anblick macht mich etwas skeptisch, doch die leuchtenden Augen und das offensichtliche Engagement der Direktorin, machten mir Hoffnung. Die Hoffnung kehrte sich sogar in Begeisterung um, als ich meine Haupteinsatzstelle, die Escuela San Pedro, gesehen habe. Die wesentlich jüngeren Kinder (6-11 Jahre) begrüßten mich - wenn auch etwas wild - so herzlich und liebevoll, dass ich sofort täglich kommen wollte. Auch die LehrerInnen der Schule haben mich herzlich aufgenommen und vorgstellt, den Kindern von Toleranz und Respekt erzählt, und mir gesagt, dass ich gebraucht werde. Es gäbe viel zu tun... Das glaube ich, denn rund 700 Schüler in einer Schule mit sechs oder sieben Klassenräumen brauchen sicherlich den einen oder anderen, der unterricht, spielt oder sie auf andere Art und Weise unterhält. Die Vielzahl an Schülern in Montebello, einem Ort, in dem nur die wenigsten Bildung erhalten, lässt darauf schließen, dass die Schätzungen von 10.000 bis 30.000 Einwohnern nach oben korrigiert werden müssen.
Nachdem wir noch anderen Projekte in der Umgebung Montebellos besucht haben, ging es nach der Rückfahrt am Nachmittag ins Zentrum des Stadt, etwa 10 Minuten zu Fuß. In der Innenstadt, wo wir nur Formalitäten für den Ausländerausweis erledigen mussten, wurden wir von den Menschenmassen als "Gringos" wahrgenommen. Ein Mann rief mir zu: "Hey Gringo! How do u like Cali?! Good hä!? New York is great hä!?!" Als Gringo - also als US-Amerikaner - wird man fast überall bezeichnet. Die Kinder Montebellos kennen unsere Herkunft und den Grund unseres Kolumbienjahres sehr gut. Wir sind bereits die dritte Generation Weltwärts-Freiwilliger in Montebello und der Reaktionen der Kinder zufolge muss man sagen, dass die vergangenen Frewilligen einen guten Job gemacht haben. Täglich werden wir liebevoll im Colegio de las Aguas empfangen.
| Straße in unserem Viertel um 17:30 Uhr |
| Die gleiche Straße kurz nach 18 Uhr |
Cali ist nicht nur eine Stadt mit freundlichen und liebevollen Menschen und den schönsten Frauen Kolumbiens - Cali ist auch die Weltstadt der Salsa! Natürlich ist man da auch als Deutscher quasi gezwungen Tanzstunden zu nehmen. Am Dienstag ging es das erste Mal zur Tanzstunde. Das Tanzstudio ist ein Erlebnis! Direkt gegenüber von einem der berühmtesten Armenviertel in Cali, Siloé, in einem Raum mit etwa 50 Tanzschülern und einer Handvoll Lehrer lässt es sich so gut tanzen, dass ich die schweren Beine des Anstiegs in Richtung Colegio de las Aguas sofort vergesse und eifrig lerne. Ich will ja schließlich schon bald eine gute Figur auf dem Parkett machen. Klar, dass da eine Stunde pro Woche nicht reicht. Mit einigen meiner Freunde vom Projekt bin ich also gleich Dienstag, Mittwoch und Donnerstag zu der lieben Chefin und ihren Kollegen zum Tanzen gekommen. Der Preis von 5000 pesos pro Tanzstunde (eine Stunde heißt von 19-21:10 Uhr!) entsprechen umgerechnet etwa 2€. Mit dem geteilten Taxi hin und zurück macht das etwa 3€ für einen Abend, an dem man viel lernt und eine Menge Spaß hat.
| Siloe |
Heute ist Montag und ich habe mein zweites Wochenende und meine ersten "Rumbas" (Feiern) hinter mir. Die Tanzstunden haben mir geholfen, die Musik und das Lebensgefühl Kolumbiens noch mehr auszukosten.
Heute haben wir mit Bauprojekten angefangen, die auch noch der Eingewöhnung dienen. Am 4. Oktober werde ich in meinem eigenen Projekt in Montebello anfangen. Bauprojekte bedeutet für uns um halb 7 aufzustehen und bis 17 Uhr in den Werkstätten des Colegio de las Aguas zu ackern. Generell ist es eine schöne Form mit anderen zusammen zu arbeiten und neue Fertigkeiten an sich zu entdecken und zu entwickeln.
| Die 3 von der Tankstelle. Mit Milos und Philipp im Blaumann arbeiten |
| Auf dem Bau im Colegio de las Aguas |
Das war der erste Teil, der nur ein kleiner Teil dessen ist, was ich hier so erlebe. Ich hoffe, dass ihr einen knappen Eindruck von dem bekommen habt, was ich so mache. Wenn es richtig losgegangen ist und ich noch mehr erlebt habe, werde ich wieder schreiben. Bis dahin alles Liebe und muchos abrazos y besos aus Colombia!
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| Kinder in Montebello |
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| Ausblick Montebello |


Ach ist das schön Tommy :)) bin stolz auf dich wie gut du alles meisterst. Besos.
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