Freitag, 31. Dezember 2010

Dezember in Cali

Weihnachten ist vorbei. Und ehrlich gesagt hätte ich das um ein Haar verpasst. Die Temperaturen sind unverändert und außer ein paar Lichtern und Details in Wohnungen und Einkaufszentren läutet hier nichts die Weihnachtszeit ein.
Das mit Abstand größte Event ist hier in Cali nicht Weihnachten, sondern die Feria de Cali. Die Feria ist so etwas wie eine riesige Party, die um Weihnachten beginnt und bis Silvester dauert. Geschäfte und Banken schließen um 12, wir haben in Montebello um 13 Uhr Schluß, und die ganze Stadt ist im Ausnahmezustand.
Weihnachten in Montebello
Es gibt Konzerte, Stierkämpfe, Salsa-Shows und Partys überall. Gut, dass ich mittlerweile schon gut tanze und mich ohnehin für die Musik begeister. So kann ich das alles noch viel intensiver erleben. Stierkampf finde ich generell nicht besonders gut, aber die Atmosphäre ist großartig und es gehört irgendwie zur Kultur.






Im Moment ist also eine Zeit zum Genießen, bis es dann im neuen Jahr wieder richtig mit Arbeit etc. weitergeht.
Ich wünsche Euch allen schöne Dezembertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2011! 

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Viel Sonne, viel Regen und ein wenig Schatten

Wir haben hier zwar "Winter" und eine Menge Regen zwischendurch, aber dennoch scheint die Sonne oft und heftig. Nicht nur den Sonnenschein, sondern auch Licht in Bezug auf die Arbeit, Freunde und neue positive Erfahrungen gibt es immernoch mehr als genug.

Im Moment arbeite ich in einem Bauprojekt an der Deutschen Schule. Von 7 bis 16 Uhr renoviere ich dort mit Lehrern und Auszubildenden des Colegio de las Aguas eine Bambuskonstruktion, die auf Grund schlechter Bauweise erneuert werden muss. Hier komme ich aber auch viel in Kontakt mit Menschen, vor allem Jugendlichen. Durch die Hilfe einer Freundin, die auf die Deutsche Schule geht und die ich vor einigen Wochen auf einer Party kennengelernt habe, kann ich jetzt den Schulbus nutzen. Vorher habe ich einen öffentlichen Bus genommen, der mich durch Umsteigen und Fußwege fast zwei Stunden gekostet hat. Das Colegio Aleman - die Deutsche Schule - ist nämlich sehr weit weg, fast am anderen Ende der Stadt. Morgens werde ich um kurz nach 6 abgeholt und um 17 Uhr bin ich wieder zu Hause. Die Arbeit ist richtige Bauarbeit. Ich lerne jeden Tag mehr. Anfangs habe ich eigentlich nur aufgeräumt, Bambus geschleppt und mich auf die Mittagpause gefreut, in der ich mit Schülern in der Kantine esse und quatsche. Mittlerweile macht mir die Arbeit mit den Kollegen aus Montebello aber richtig Spaß und ich kann schon viel besser mit den Werkzeugen umgehen. Ich bin zwar immer dreckig und meine Hände mussten sich erstmal an die Arbeit gewöhnen, aber ich bin sehr zufrieden. Voraussichtlich werde ich bis Weihnachten in dem Bauprojekt sein.


Kollegen aus Montebello: Luigi, Japxon, Ruben, Nancy


Der Chef Rafa, auch "Pirata" genannt


Am letzten Freitag haben wir einen Flohmarkt in Montebello, im Colegio de las Aguas, veranstaltet. Dafür habe ich vorher Freunde im Colegio Aleman und im Bekanntenkreis nach ausrangierten Klamotten, Büchern, Spielzeugen, Deko usw. gefragt. Viele haben mich unterstützt und der Flohmarkt, auf dem es auch typisches kolumbianisches Essen gab, war ein voller Erfolg.
 Deutsche Flohmarktverkäufer in Trikots

Am Samstag habe ich auch mit einigen Jungs aus der Organisation in Montebello gearbeitet, damit eine Konstruktion dort schneller fertiggestellt werden kann. 

Auch neben der Arbeit gibt es viel zu erzählen. Ich versuche einige Ereignisse der letzten Wochen mal zusammenzufassen: Bauchtanzauftritt meiner Gastschwester Margarita und Freundinnen, ihr 18. Geburtstag inklusive Essen gehen und Party, Salsa-Show "Delirio" (es gibt wohl keine bessere Salsa-Show weltweit), weitere Tanzabende (aktiv!), einen Sonntag in einer Finka in den Bergen, ein sensationelles klassisches Konzert von vielen Fundacionen (in einer arbeitet die Frau meines Mentors und eine Freundin, die auch Weltwärtslerin ist und Geige spielt) und mit rund 480 jugendlichen Protagonisten aus unterschiedlichsten sozialen Schichten und und und ...
Delirio: Musik, Tanz, Show.. SALSA

Klassisches Konzert in einem Hangar des Militärs



Wo viel Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten. Auch wenn die Sonnenseite überwiegt, kann ich das nicht verschweigen.. Auf Grund eines Mordes in Montebello und einer ungeklärten Sicherheitslage musste ich leider das Laternenfest absagen. Außerdem sollte ich erstmal einige Zeit nicht nach Montebello. Da meine Kinder schon Ferien haben, ist das nicht so schlimm gewesen. Das ist mittlerweile auch alles geklärt. Die Situation ist geklärt und wir können wieder unbesorgt hoch fahren. Die Polizeipräsenz wird etwas größer sein, aber alles ist bestens. Am 12. Januar geht es in meinem Projekt weiter.
Das mit dem Schatten ist eigentlich auch eher generell. Ich habe einiges erfahren, was doch sehr heftig ist und zeigt, dass es hier neben einer fröhlichen bunten Kultur auch eine Kultur der Gewalt gibt. Eine Frau, die in dem Armenviertel Aguablanca wohnt hat mir erzählt, dass in ihrem Straßenblock in 6 Tagen 4 Menschen erschossen wurden. Außerdem wurde mir schon oft gesagt, dass es viele Orte gibt, an denen man Auftragsmorde kaufen kann. Ein Auftragsmord kostet um die 10 Euro. Ich kann das nicht bezeugen, aber das haben mir verschiedene Kolumbianer erzählt. Bei dem Mord in Montebello handelt es sich wohl um einen Fall von Selbstjustiz. Hier wird das "soziale Säuberung" genannt. Der junge Mann, der erschossen wurde, war schon oft in der Gemeinde durch Raube aufgefallen. Um sich zu schützen passiert es in den Brennpunkten dann manchmal, dass sich Leute aus der Gemeinschaft rächen, bzw. für "Ordnung" sorgen wollen. Falls jemand mal was von Cali und dem Leben eines jungen Deutschen in Kolumbien sehen will, kann er sich den Film "Doctor Aleman" angucken. Auf uns Deutsche wirkt der Film sehr hart, etwas übertrieben vielleicht. Aber die Menschen in Siloé, dem Viertel in dem der Film spielt, sagen er sei viel zu harmlos. Es ist schon eine etwas verrückte Welt...
Der Bezug zu Gewalt und Waffen wird selbst in meiner Grundschule deutlich. Wenn die Kinder etwas malen sollen, was ihnen gefällt, malen mindestens 6-10 Jungs pro Klasse eine Waffe. Die Hälfte der Jungs wollen Soldat oder Polizist werden. Waffen tragen und einfach Geld verdienen... Es ist traurig, aber Realität.

Naja immerhin gibt es auch hier Lichtblicke. Das aktuelle Projekt, in dem ich mit Jugendlichen aus Montebello arbeite zeigt, dass man Veränderungen schaffen kann. Die Ausbildung und der Arbeitsalltag gibt den Teenagern eine Perspektive. Eine Perspektive ohne Waffen und Gangs, und die Chance, Geld auf ehrliche Weise zu verdienen.

Eine kurze Anmerkung habe ich noch zu meinem letzten Post: Es ist eine Art Ironie des Schicksals... Am Montag war im Colegio Aleman früher Schulschluss, weil es kein Wasser mehr gab. Es ist zwar noch nie vorher vorgekommen und die Ursache war irgendwie unklar, doch es ist schon komisch, wenn so etwas auch an einer Privatschule passiert, für die Eltern über 200€ pro Monat bezahlen.
Das Colegio Aleman..

..irgendwie abgehoben

Schulkantine

Leguan auf dem Schulgelände


Es ist jetzt 21 Uhr hier, aber weil ich morgen früh um 5:40 Uhr austehen muss, gehe ich jetzt schon schlafen. 
Ich wünsche Euch allen alles Liebe und ein paar Sonnenstrahlen aus Cali.

Freitag, 5. November 2010

No hay agua! oder: Von Regenzeit und Wasserknappheit

Das letzte Wochenende habe ich in Bogotá bei meinem Amigo David verbracht. Bogotá ist nicht nur die Haptstadt Kolumbiens. Es ist mit etwa 7 mio. Einwohnern auch mit Abstand die Größte. Bogotá ist nur eine knappe Flugstunde von Cali entfernt, aber das Klima in den hohen Anden ist vollkommen anders. Eine Durchschnittstemperatur von 13,3°C (laut Wikipedia) fühlen sich nach dem traumhaften Cali-Klima unglaublich kalt an. (Tut mir Leid liebe Freunde in Deutschland, aber unter 20°C geht garnicht!) 
Wir haben die Stadt erkundet, waren typisch essen, haben Davids Uni angeguckt, waren auf Halloween-Partys mit irren Kostümen und Vieles mehr...
Ich bin letzten Endes allerdings nicht nur wegen des Klimas zu dem Schluss gekommen, dass Cali meine Stadt ist (bald werde ich mal ausführlich über Cali berichten). Die Einwohner Bogotas sagen, dass Cali, Medellin etc. keine richtigen Städte seien, doch mir gefällt mein großes Dorf viel mehr. Das liegt zum einen an der Übermenge an Autos, die einem teilweise das Atmen erschwert, am Stadtbild, am Ambiente, naja und irgendwie muss ich doch wieder Klima sagen.
Dennoch hatte ich ein großartiges (wegen der vielen Feiertage wieder verlängertes!!) Wochenende und habe einigen schöne und besondere Orte gesehen, die Ihr jetzt auch teilweise sehen könnt:
Kleiner Ausschnitt...

...von Bogota.

Mit David beim Mittagessen in den Bergen
Verkleidete Musiker im Restaurant "Andrés Carne de Res"

Also hatte ich eine kurze letzte Schulwoche vor den großen Ferien bis 11. Januar 2011. Also Ferien haben die Kinder. Ich werde wieder im Colegio de las Aguas bzw. der Bibliothek Montebellos arbeiten.
Noch eine Sache zu Bogotá: es war dort nicht nur kalt, sondern auch sehr regnerisch. Fast jeden Tag hat es geregnet. Hier ist es mittlerweile ähnlich. Es ist zwar noch angenehm warm, aber jeden zweiten Tag regnet es heftig und viel. Der kolumbianische Winter halt...
Der Regen ist zwar Wasser, aber er hilft nicht ein Problem in Montebello zu lösen: das Wasserproblem.
Schon am Anfang meiner Arbeit an der staatlichen Schule wurde mir erklärt, dass die Wasserversorgung außerhalb der Stadt problematisch ist. Sie wird von privaten Unternehmen organisiert, die ihre Arbeit eher schlecht als recht machen. Es gab schon vor einiger Zeit etliche Beschwerden, weil das Wasser nicht einmal gechlort ist. Trinken sollte man Wasser hier eigentlich sowieso nicht aus der Leitung, aber zum Waschen, Abkochen oder Zähneputzen sollte es schon reichen... Auf den Dächer stehen oft Wassertanks (siehe Foto unten), die ein einzelnes Haus mit Wasser versorgt. Klospühlungen gibt es in Montebello nicht. Man muss nach dem Geschäft einen Wassereimer in die Toilette kippen, damit alles langsam runtersickert. Heute und gestern gab es in der Schule nicht mal mehr genug Wasser dafür. Die Wassertanks waren leer. Die Konsequenz, die viele Schüler glücklich machte: Schulschluss um 10 Uhr. 
Wasserbehälter der Schule



Das wars erstmal wieder aus meinem Leben in CaliColombia. 
Ich wünsche Euch alles Liebe und Gute. 






 

Sonntag, 24. Oktober 2010

Mit dem Auto nach Kolumbien

Und wieder ist eine Schulwoche vorbei... Der Kurzurlaub am letzten Wochenende mit meiner Familie war wunderbar. Die Region "El eje cafetero" ist traumhaft. Eine Vielzahl von Pflanzen, Schmetterlingen, Vögeln, Kaffee- und Bananenplantagen, auf einer Höhe von etwa 1800m, bieten einem viel Natur und frische Luft zum Durchatmen nach den ersten Wochen im nach Abgasen riechenden Großstadtdschungel.
Ameisen en masse - groß und stark

El eje cafetero

Etwa zweieinhalb Autostunden von Cali entfernt


Am Dienstag ging es wieder an die Arbeit. Der Wecker um Viertel vor 6 ist mein größter Alptraum, aber die Helligkeit hilft sehr beim Wachwerden.
In meiner Escuela San Pedro begrüßen mich die Kinder liebevoll wie immer. Ich habe jetzt einen Stundenplan und lerne somit jede Klasse kennen. Die Klassenstufen heißen hier 0 (Vorschule), 1, 2, 3, 4a, 4b, 5, AC (Beschleunigung; hier sind Kinder von 11 bis 13 Jahre, die später eingeschult wurden und noch nicht lesen und schreiben konnten). Ich habe in verschiedenen Klassenstufen die Jahreszeiten in Deutschland und die Laternenfestidee vorgestellt. Die Kinder sind von der Idee begeistert. Obwohl niemand Vorkenntnisse in der deutschen Sprache hatte, haben wir gleich mit "Ich gehe mit meiner Laterne" angefangen. Das ging in jeder Klasse unterschiedlich gut, aber die meisten Kinder haben schon kräftig mitgesungen. 
Am Mittwoch war ich zuerst wieder in der zweiten Klasse. Die Kinder hier sind zwar sehr anhänglich, aber von allen die verhaltensaufälligsten. Als ich eine ruhige Minute mit der Lehrerin hatte, hat sie mir die Geschichten einzelner Kinder erzählt. Jede ist eigen, aber alle sind ähnlich hart. 

Daniel, der lauteste Junge, der fast immer in Streit, wenn nicht in einer Prügelei ist, ist ein Beispiel. Er und seine Familie wurden auf Grund von Guerilla und Bürgerkrieg vertrieben, bzw. "umgesiedelt" wie es hier heißt. Sie kamen nach Cali und hatten nichts. Keinen Job, kein Geld, kein Zuhause, keine Ausbildung. Der Vater ist Straßenverkäufer von gebrannten Filmen und ähnlichem. Der Bruder ist drogenabhängig und seit einiger Zeit verschwunden. Die Mutter arbeitet auch. Als was habe ich nicht genau verstanden, aber im nächsten Satz sagte mir die Lehrerin: "Das Viertel im Zentrum, wo die Familie wohnt, ist bekannt für Prostitution und Pornographie." Die Lehrerin hat Daniel einmal zu Hause besucht, um mit den Eltern zu sprechen. Alle wohnen in einem Zimmer. Zusammen mit Ratten und Kakerlaken.
Alejandro ist auch in der zweiten Klasse. Sein Vater ist im Gefängnis. Der neue Freund seiner Mama auch.
Luis' Vater wohnt irgendwo anders. Seine Mama arbeitet immer. Der neue Mann der jungen Oma - hier bekommen viele Mädchen zwischen 14 und 17 Kinder - ist das neue Familienoberhaupt. Gewalt ist für ihn Alltag.
So ungefähr ging es dann weiter. Drogen, Kriminalität, Prostition, Gewalt...  
Vor etwa zwei Wochen habe ich die Armut hier zu spüren bekommen, als ich am hellen Tag ausgeraubt wurde. Ich habe nie mehr bei mir außer etwa 2€ für den Transport und meinem 18€-Handy. Eigentlich wollte ich das nicht in den Blog schreiben, damit sich niemand unnötige Sorgen macht. Meine Mama weiß aber mittlerweile Bescheid und ich will keine wichtigen Wahrheiten weglassen. 
Den Leuten, häufig auch Drogenabhängigen, geht es nur um Materielles. Ein Paar Pesos sind schon genug. In Montebello sind derartige Fälle nicht so normal. In den letzten Jahren ist das keinem der Freiwilligen dort passiert. Die Polizeipräsenz ist jetzt größer und es gab eine Festnahme. Außerdem kennt man sich im Dorf. Die meisten Leute wissen was wir Deutschen machen und schätzen die Arbeit. Nach dem Raub waren viele Leute beschämt und haben uns sofort Hilfe angeboten. Es wird nicht wieder passieren... In Montebello ist die Gefahr mit Abstand geringer als in anderen Viertel in der Stadt. Man muss wissen wo und wann man sich aufhalten kann. Und ich kann allen sagen: Wir sind sehr vorsichtig und keinem wird etwas passieren. 






Der Donnerstag und der Freitag in der Schule waren super. So langsam bekommt die Arbeit Routine. Ich habe den Kindern aller Stufen von Deutschland erzählt und Fotos von Hamburg gezeigt. Sie waren fasziniert. Ob ich denn mit dem Auto nach Kolumbien gekommen sei? Ich habe also eine Karte an die Tafel gemalt, den Kindern einige Wörter auf deutsch beigebracht, ihnen erzählt was wir für Tiere, Früchte, Fortbewegungsmittel, Landschaften, Temperaturen haben, dass es unterschiedliche Jahreszeiten gibt, dass die Uhrzeit in Deutschland anders ist und und und... Das Fremde und Unbekannte interessiert sie sehr. 



Heute ist Sonntag. Morgen früh geht es wieder an die Arbeit. 
Viele Grüße aus Cali!!

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Yeison, Culumi, Xiomara und Jhon Edward

Inzwischen ist viel passiert. Ich lebe mich immer besser ein und mache täglich neue Erfahrungen. 
Eine neue Erfahrung, mit der ich nicht gerechnet habe, war eine Feier in der Deutschen Schule Cali am 3. Oktober. Es war nicht nur das erste Mal, dass ich den Tag der deutschen Einheit gefeiert habe, sondern auch eine der deutschesten Feiern, die ich je erlebt habe. Deutsche Fahnen, Wiener Würstchen, Kartoffelsalat, Bier und die Hymne machten die Feier beinahe unangenehm deutsch. Dennoch haben wir den Tag zusammen genossen und einige Deutsche, die in Cali leben, kennengelernt.
Die deutsche Feier

Neben Erfahrungen gab es auch Veränderungen. 
Eine Veränderung ist mein Zuhause hier in Cali. Ich wohne jetzt schon eine Woche in meiner Gastfamilie und mir geht es hier sehr sehr gut. Das liegt nicht hauptsächlich daran, dass ich hier warmes Wasser und vieles mehr habe, sondern vor allem daran, dass ich eine wirklich wunderbare kolumbianische Familie habe. Ich wohne zusammen mit Saida, einer lieben, rührenden Mama, Pacho, eigentlich Francesco, der durchschnittlich 82! Std pro Woche in verschiedenen Kliniken als operierender Arzt arbeitet und ein sehr kluger Mann ist, und Margarita, die nächsten Monat 18 wird und ein besonderes Talent für Kunst und Tänze hat. David, der andere Sohn der Familie, den ich vor 3 Jahren in Deutschland kennengelernt habe und der zu meinen besten Freunden gehört, sehe ich nur ab und zu, da er in Bogotá studiert. Die Familie ist großartig und ich könnte noch viel mehr erzählen.
Margarita, Saida, Francesco, David

Am 29. Oktober werde ich nach Bogotá fliegen, um David zu besuchen. Da der 1. November einer von vielen kolumbianischen Brückentagen ist, muss ich erst am Montag zurückkommen, um dann am 2. November wieder zu arbeiten.
A propos arbeiten: Im Moment arbeite ich eine Woche in der Bibliothek Montebellos, wo ich zusammen mit Hannah Deutschunterricht gebe. Hauptsächlich bereite ich aber Englischunterricht für die kommende Woche vor. In der letzten Woche habe ich die erste Male in meinem Projekt, in der Grundschule "San Pedro", gearbeitet. Morgens um 7 beginnt dort der Unterricht für Schüler bis zur fünften Klasse. Das heißt für mich: um Viertel vor 6 aufstehen, duschen, frühstücken und an der nächsten Straße einen Jeep nehmen, um rechtzeitig in dem auf etwa 1700m hochgelegenen Montebello anzukommen.
Die Kinder sind eigentlich sehr süß. Sie umarmen mich, wollen mich ständig anfassen und machen mir Geschenke. Dass sie laut und stürmisch sind merkt man schon beim Betreten des belebten Schulhofs. Besonders anstrengend wird es für mich in den Klassenzimmern. Eine Klasse heißt in der Escuela San Pedro eine Stufe. Eine Stufe bedeutet, dass etwa 40 Kinder in einem Klassenraum zusammengedrängt lernen sollen. Das wäre sicherlich auch in Deutschland nicht einfach. Doch besonders hier, wo Kinder leben, die es nicht gewohnt sind sich zu konzentrieren und aufmerksam und höflich zuzuhören ist richtiger Unterricht fast unmöglich. Zuerst war ich in einer zweiten Klasse, in der Unterricht ohne Lieder und Spiele nicht geht. Ich habe sofort gemerkt, dass ich viel vorbereiten muss für die nächsten Stunden... Anschließend war ich in einer fünften Klasse, deren Lehrerin mir versicherte, dass alle schon Grundlagen können würden. Nach einigen Übungen und Vokabeln haben wir dann doch lieber erstmal mit dem Alphabet und Zahlen angefangen... So in etwa ging es dann weiter. Schon nach den ersten Stunden war ich einigermaßen kaputt und froh darüber, dass die Schule nur von 7 bis 12 Uhr geht. 
Auf dem Schulhof nach der Begrüßung und einem kurzen Gebet.

Eigentlich sind wir auch nicht als Lehrer hier. Auf keinen Fall sollen Arbeitsplätze durch Freiwillige ersetzt werden! Was wir machen ist ein interkultureller Austausch. Ein Teil davon ist es, ab und zu im Unterricht zu helfen und Sprachen zu lehren. Aber wie gesagt nur ein Teil. Es geht hauptsächlich auch darum, den Kindern Perspektiven zu geben. Wir sollen helfen, Ziele zu geben und Werte zu vermitteln. Für die Kinder sind wir Weltwärts-Freiwillige Vorbilder, die unter anderem glaubhaft vermitteln sollen, dass es beispielsweise schlecht ist Drogen zu nehmen oder, dass man nicht mit 15 schwanger werden sollte. Viele Aufgabe, die eigentlich Eltern übernehmen, müssen hier von Pädagogen übernommen werden, da nicht alle Eltern für ihre Kinder sorgen können oder wollen. 
Naja, dass wir eigentlich keine Lehrer sind ist anscheinend noch nicht ganz klar gewesen. Das kann daran liegen, dass das Projekt an meiner Schule neu ist. So kam es aber, dass mich die Lehrerin der fünften Klasse nach 5 Minuten auf einmal alleine ließ. Ich habe dann eine Menge improvisiert und die Kinder waren immerhin fast 10 Minuten einigermaßen aufmerksam. Der Job der Lehrerinnen an meiner Schule ist aber auch nicht leicht. Jede Stufe - sprich Klasse von 40 Kindern - hat jeweils nur eine Lehrerin, die alle Fächer unterrichten muss. Einige können nicht mal richtig Englisch und freuen sich jetzt sehr, dass ich da bin und helfen kann. Ich bin auch bereit das zu tun. Zwar nicht vollkommen alleine, aber ich gebe mein bestes, um in den nächsten Stunden vieles vermitteln zu können.
Kinder auf dem Schulhof

Nach dem Unterricht

Die Überschrift dieses Posts besteht übrigens aus Namen der Schüler in Montebello. Sich davon 40 zu merken wird sicherlich eine fast so schwere Aufgabe wie die Hälfte der Kinder zum Lernen zu motivieren. Aber ich bin mir sicher: Nichts ist unmöglich!
Wie schon gesagt ist im Moment eine Woche zum Planen und Vorbereiten. Neben Unterricht plane ich auch Projekte verschiedenster Art. Eine Idee die mir gestern in den Sinn kam, als wir uns über Jahreszeiten in Deutschland unterhielten: Ein Laternenlauf in Montebello. Der Plan, den ich in der Bibliothek mit Hannah entwickelt habe ist so: In den Schulen Laternen mit den Kindern basteln, englische, deutsche und spanische Lieder üben und am 6. Dezember abends im Dunkeln mit Liedern, Laternen, uns Freiwilligen und allen Mitarbeitern durch die Straßen laufen. Ich werde nochmal davon berichten, wenn es soweit ist. 
So viel erstmal zu meiner Arbeit. Meine Freizeit ist wesentlich unbeschwerter. Mit dem konstant perfekten Wetter und Aktivitäten wie schwimmen und tanzen lässt es sich sehr gut leben. Auch das Essen ist für mich perfekt. Kochbananen, Reis, Bohnen, Fleisch und Salat schmecken mir ausgezeichnet, so dass ich hier trotz kleinerer Rationen nicht verhunger.
Cali. Gegenüber: der Berg mit den Tres Cruzes, nahe Montebello.

Ich habe echt viel erlebt, aber alles zu erzählen wäre unmöglich. Ich werde mir noch einiges aufheben für die zahlreichen Posts, die noch folgen sollen. Ich hoffe, dass ich in Zukunft etwas regelmäßiger schreiben kann.
Viele liebe Grüße an alle aus Kolumbien!

Montag, 27. September 2010

Erste Eindrücke aus einer anderen Welt


Die ersten Tage vergehen wie im Flug. Doch sie hinterlassen eine Vielzahl von Eindrücken, die in diesem Text sicherlich nicht komplett zum Ausdruck kommen.

15.09.2010: Hamburg-Bogota-Cali. Nach einer eintägigen Reise um den halben Erdball wurden wir - ich bin mit zwei Freunden geflogen - in Cali von tropischem Gewitter begrüßt. Der kleine Flughafen von Cali, einer Stadt die mit etwa 3 mio. Einwohnern die drittgrößte Kolumbiens ist, macht bereits deutlich, dass ich nicht mehr in der gewohnten europäischen Umgebung bin. Am Flughafen wurde schon auf uns gewartet. Vom Flughafen ging es etwa 20 Minuten in die belebte Innenstadt Calis. Der Verkehr ist für einen Deutschen der erste Kulturschock. Dreispurige Straßen ohne Markierungen, mit riesigen Löchern und etlichen Motorrädern und Taxis, stellen besonders den fremden Beifahrer vor neue Herausforderungen. Nahe des Zentrums, in dem Viertel El Peñon, befindet sich unser vorerst neues Zuhause - ein ehemaliges Kloster. Das "ehemalig" könnte man auch weglassen, denn hier erinnert alles an einen Konvent. Mein Zimmer ist so klein, dass ein Bett, ein Stuhl und meine beiden 23kg-Koffer den Raum komplett ausfüllen. Die weite Reise und sieben Stunden Zeitverschiebung kosten Kraft, so dass ich in der weichen, perfekt durchgelegenen Matratze und unter dem sporadisch aufgehängten Moskitonetz sofort schlafen konnte.
Mein Zimmer
Das Kloster

Blick aus dem Klosterfenster


Nach einer kurzen Nacht im heißen Zimmer darf die eiskalte Dusche um 6 Uhr morgens natürlich nicht fehlen. Warmes Wasser gibt es hier nicht. 
Bei erwartet sonnigen 30°C im Schatten sind wir am zweiten Tag das erste Mal raus aus dem Großstadtdschungel hoch in das arme, größtenteils von Flüchtlingen bewohnte, Montebello gefahren. Die sandige Straße hat keine Löcher - die zahlreichen Löcher verschmelzen zu einer Straße, an deren Seiten kleine Hütten stehen, die aussehen, als würden sie jeden Moment einstürzen. Irgendwie haben die individuellen Bauarten auch etwas Beeindruckendes. Die Einwohner, die vor den Häusern sitzen, bestaunen uns skeptisch. Durch die straßigen Löcher sind die täglichen Fahrten im Jeep für alle neun, unangeschnallten Insassen wie eine Achterbahnfahrt. 1300 pesos (etwa 60 Cent) bezahlt und einmal kräftig "Señor, por aca!" gerufen, und der Fahrer hält nahe des Colegio de las Aguas, das von meiner Entsendeorganisation Schule fürs Leben gebaut wurde, an. Die Schule, die mit einer speziellen Bambusart, dem Guadua gebaut wurde, ist eine architektonische Meisterleistung und gibt dem ärmlichen Bild Montebellos ein wenig Glanz. Sie wurde konstruiert, um den Kindern Montebellos eine Perspektive zu geben, damit sie nicht wie viele andere in Drogenkonsum und Prostitution Zuflucht finden. Die Kinder des Colegio de las Aguas empfangen jeden von uns täglich mit viel Liebe. Wir werden umarmt und ausgefragt und jeder ist eine Attraktion.


Montebello


Colegio de las Aguas
Die Schulkantine

Die Liebe der Menschen findet ihren Höhepunkt in Kolumbien am Samstag, dem 18.09., an dem der Tag der Liebe und der Freundschaft, "el dia del amor y la amistad" gefeiert wird. Ich durfte den Tag, an dem traditionell das Geschenkspiel "el amigo secreto" (der geheime Freund) gespielt wird, dreimal feiern. Am Freitag Morgen, bei einer Integration aller Mitarbeiter und Freiwilliger im Colegio de las Aguas, am Freitag Abend im Kloster mit allen 18 Freunden, und am Samstag mit meiner Gastfamilie, bei der ich das ""Gast" auch weglassen könnte.

Nach einem Wochenende zum organisieren und ausruhen, habe ich am Montag, dem 20. September, zum ersten Mal mein zukunftiges Projekt besucht: die Institución Educativa de Montebello, eine Schulinstitution, die drei Schulen in Montebello leitet und betreut. Zuerst war ich in der Zentrale, einer Anlage, bei der man nicht wirklich eine Struktur erkennt. Mir wurde erklärt, dass die Gebäude ohne einen richtigen Plan in den 80er Jahren angefangen wurden und nun etwas alternativ dastehen. Auf Grund mangelnder Räume wurde ein Basketballplatz mit Hilfe grüner Plastikfolien in Quadrate eingeteilt und zu mehreren - für die Anzahl der Schüler - winzigen Klassenräumen eingeteilt. Ein Gebäude, das bisher nicht aus mehr als zwei Wänden und einer Decke aus Beton besteht, dient zwei Klassen, die zur Hälfte im Freien unterrichtet werden. Das triste Wetter und der Anblick macht mich etwas skeptisch, doch die leuchtenden Augen und das offensichtliche Engagement der Direktorin, machten mir Hoffnung. Die Hoffnung kehrte sich sogar in Begeisterung um, als ich meine Haupteinsatzstelle, die Escuela San Pedro, gesehen habe. Die wesentlich jüngeren Kinder (6-11 Jahre) begrüßten mich - wenn auch etwas wild - so herzlich und liebevoll, dass ich sofort täglich kommen wollte. Auch die LehrerInnen der Schule haben mich herzlich aufgenommen und vorgstellt, den Kindern von Toleranz und Respekt erzählt, und mir gesagt, dass ich gebraucht werde. Es gäbe viel zu tun... Das glaube ich, denn rund 700 Schüler in einer Schule mit sechs oder sieben Klassenräumen brauchen sicherlich den einen oder anderen, der unterricht, spielt oder sie auf andere Art und Weise unterhält. Die Vielzahl an Schülern in Montebello, einem Ort, in dem nur die wenigsten Bildung erhalten, lässt darauf schließen, dass die Schätzungen von 10.000 bis 30.000 Einwohnern nach oben korrigiert werden müssen.

Nachdem wir noch anderen Projekte in der Umgebung Montebellos besucht haben, ging es nach der Rückfahrt am Nachmittag ins Zentrum des Stadt, etwa 10 Minuten zu Fuß. In der Innenstadt, wo wir nur Formalitäten für den Ausländerausweis erledigen mussten, wurden wir von den Menschenmassen als "Gringos" wahrgenommen. Ein Mann rief mir zu: "Hey Gringo! How do u like Cali?! Good hä!? New York is great hä!?!" Als Gringo - also als US-Amerikaner - wird man fast überall bezeichnet. Die Kinder Montebellos kennen unsere Herkunft und den Grund unseres Kolumbienjahres sehr gut. Wir sind bereits die dritte Generation Weltwärts-Freiwilliger in Montebello und der Reaktionen der Kinder zufolge muss man sagen, dass die vergangenen Frewilligen einen guten Job gemacht haben. Täglich werden wir liebevoll im Colegio de las Aguas empfangen.
Straße in unserem Viertel um 17:30 Uhr

Die gleiche Straße kurz nach 18 Uhr


Cali ist nicht nur eine Stadt mit freundlichen und liebevollen Menschen und den schönsten Frauen Kolumbiens - Cali ist auch die Weltstadt der Salsa! Natürlich ist man da auch als Deutscher quasi gezwungen Tanzstunden zu nehmen. Am Dienstag ging es das erste Mal zur Tanzstunde. Das Tanzstudio ist ein Erlebnis! Direkt gegenüber von einem der berühmtesten Armenviertel in Cali, Siloé, in einem Raum mit etwa 50 Tanzschülern und einer Handvoll Lehrer lässt es sich so gut tanzen, dass ich die schweren Beine des Anstiegs in Richtung Colegio de las Aguas sofort vergesse und eifrig lerne. Ich will ja schließlich schon bald eine gute Figur auf dem Parkett machen. Klar, dass da eine Stunde pro Woche nicht reicht. Mit einigen meiner Freunde vom Projekt bin ich also gleich Dienstag, Mittwoch und Donnerstag zu der lieben Chefin und ihren Kollegen zum Tanzen gekommen. Der Preis von 5000 pesos pro Tanzstunde (eine Stunde heißt von 19-21:10 Uhr!) entsprechen umgerechnet etwa 2€. Mit dem geteilten Taxi hin und zurück macht das etwa 3€ für einen Abend, an dem man viel lernt und eine Menge Spaß hat.
Siloe


Heute ist Montag und ich habe mein zweites Wochenende und meine ersten "Rumbas" (Feiern) hinter mir. Die Tanzstunden haben mir geholfen, die Musik und das Lebensgefühl Kolumbiens noch mehr auszukosten. 
Heute haben wir mit Bauprojekten angefangen, die auch noch der Eingewöhnung dienen. Am 4. Oktober werde ich in meinem eigenen Projekt in Montebello anfangen. Bauprojekte bedeutet für uns um halb 7 aufzustehen und bis 17 Uhr in den Werkstätten des Colegio de las Aguas zu ackern. Generell ist es eine schöne Form mit anderen zusammen zu arbeiten und neue Fertigkeiten an sich zu entdecken und zu entwickeln.
Die 3 von der Tankstelle. Mit Milos und Philipp im Blaumann arbeiten

Auf dem Bau im Colegio de las Aguas



Das war der erste Teil, der nur ein kleiner Teil dessen ist, was ich hier so erlebe. Ich hoffe, dass ihr einen knappen Eindruck von dem bekommen habt, was ich so mache. Wenn es richtig losgegangen ist und ich noch mehr erlebt habe, werde ich wieder schreiben. Bis dahin alles Liebe und muchos abrazos y besos aus Colombia!

Kinder in Montebello
Ausblick Montebello